#2 – Nach Szondi

50 Jahre AVL an der FU Berlin
Christian Hartwig Steinau, 20.12.2015

PLAKAT-ETHOS DES LESENS-151118

 

Eine Ausstellungseröffnung der etwas anderen Art konnte am 16. Dezember 2015 an der Freien Universität in Dahlem erlebt werden. Das Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft lud zur Feier seines fünfzig jährigen Bestehens. Und zahlreich erschienen die Gäste, sodass bereits zur studentischen Diskussionsveranstaltung mit der Adorno Schülerin Hella Tiedemann und dem Bibelforscher Gregor Gumpert alle Plätze des Seminarzentrums belegt waren. Ab 16 Uhr stellte die Romanisten Irene Albers den Dokumentationsband Nach Szondi (Berlin, 2016) vor, der neben Archivfunden viele Stimmen aus 50 Jahren Studium der AVL versammelt. So vielfältig wie die in dem Band enthaltenen Rückblicke von über 80 Beiträgern, erwies sich auch die Ausstellungseröffnung. Den über 250 Gästen standen verschiedene »Angebote« zur Verfügung. So führte der 2. AStA Vorsitzende des Jahres 1966/67 Walter Kreipe durch das ehemalige Institutsgebäude, der heutigen AStA Villa in der Otto-von-Simson-Straße 23. Am Eingang des Szondi-Instituts sprachen Katrin Heinau und Sabine Jainski über den Uni-Mut Streik im Jahr 1988 und die Forderung der Studierenden nach einer Feministischen Literaturwissenschaft. Um 18 Uhr las die Schriftstellerin ginka steinwachs zusammen mit Hanns Zischler aus ihrem unveröffentlichten Text Die weiße Woche (1969).

Ohne selber Student der AVL gewesen zu sein, besuchte Zischler damals die Seminare von Peter Szondi und freundete sich schnell mit dessen Assistenten Samuel Weber an. Weber, von Szondi nach Berlin geholt, erwies sich als wichtiger Vermittler der verschiedenen Spielarten des Poststrukturalismus. Zischler übersetzte das wichtigste Werk Jacques Derridas, die Grammatologie (1974). Über Samuel Weber und somit über das von dem Holocaust-Überlebenden Szondi aufgebaute Seminar für AVL begann die Rezeption von Derrida, Paul de Man, Jacques Lacan und weiteren wegweisenden Denkern. Gleichzeitig zeichnete sich die Berliner AVL unter Peter Szondi durch eine theoretische und methodische Offenheit aus, sodass neben Dekonstruktion und Post-Strukturalismus ebenfalls die ersten Übersetzungen des Soziologen Pierre Bourdieu von Szondi Schülern verfasst wurden. Viele von ihnen trafen am Abend des 16. Dezember zum ersten Mal seit Dekaden aufeinander, Teilnehmer bezeichneten die Veranstaltung als »Klassentreffen«.

Um 19 Uhr sprach der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, der in seiner Studie Postdramatisches Theater (1999) die historische Gattungspoetik Peter Szondis weiterentwickelte, vor einem gefüllten Hörsaal. Im Rückgriff auf Szondis methodische Charakterisierung der Literaturwissenschaft als »Kunstwissenschaft« konfrontierte Lehmann die durch Exzellenzforschung und Drittmittelprojekte in ihrer Autonomie gefährdete Universitätsöffentlichkeit mit der sich aus der hermeneutischen Erkenntnisweise ergebenden Problematik des Nichtverstehens. In seinem Vortrag trat Lehmann nicht nur für jenen unauflösbaren Rest »der Gewalt der lyrischen Sprache« ein, den die Literaturwissenschaft zum Ausgangspunkt ihrer Analyse machen muss, um eine ihrem Gegenstand adäquate Wissenschaft zu sein. Texte, so führte Lehmann ebenfalls in Anschluss an Szondi aus, seien als »Individuen« zu betrachten, nicht als »Exemplare«. Mit dieser Mahnung wurden die Gäste in den festlichen Verlauf des Abends entlassen, der durch eine Gesangseinlage des diesjährigen August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessors für Poetik der Übersetzung Frank Heibert eröffnet wurde.

Die von Master-Studierenden der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft erarbeitete Ausstellung »Ethos des Lesens« ist noch bis zum 15. März 2016 in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität in Dahlem zu sehen.

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