#4 – Wider dem Vergessen der Philosophie

Jean-Luc Nancy im Hebbel am Ufer
Christian Hartwig Steinau, 1.2.2016

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(Quelle: http://www.hebbel-am-ufer.de/content-images/contentsmall/12533/jean_luc_nancy__passagen_verlag__1.jpg)

Am Abend des 28. Januar eröffnete der 75-jährige Philosoph Jean-Luc Nancy das am 6. und 7. Februar stattfindende Symposium »Was ist Kritik?« des Neuen Berliner Kunstvereins. Zuletzt interessierten sich knapp 3000 Facebook-Nutzer für die von dem Berliner Philosophen Marcus Steinweg moderierte Veranstaltung. Allerdings schien ein Großteil des Publikums im ausverkauften Theatersaal des Hebbel am Ufer von dem Vortrag Nancys enttäuscht zu sein. Denn wie wäre es anders zu erklären, dass sich nach Nancys »Unser Zeitalter ist nicht mehr das eigentliche Zeitalter der Kritik« überschriebener Rede der Saal zunehmend leerte bis im weiteren Verlauf der Diskussion mit dem Publikum nur noch die Hälfte der einstmals 600 Zuhörer auf ihren Plätzen ausharrte?

Deutliches Missbehagen an der philosophischen Vortragsweise wurde gleich zu Beginn der Diskussion von einem Zuhörer aus einer der vorderen Reihen geäußert, der in einem sarkastischen Tonfall die »mangelnde Frischluftzufuhr« des Theatersaals für die argumentativen Kapriolen Nancys verantwortlich machte und seinen beißenden Spott auch auf das an kritischen Überlegungen zur »Kritik der Kritik« interessierte Publikum ausweitete. Freundlich antwortete der geladene Gast auf die vorgebrachte Polemik und nahm die Frage nach der »Luft« auf, um seine auf eine prinzipienlose Offenheit der Philosophie gerichteten Ausführungen noch einmal anhand des genannten Stichworts zu erörtern. Im Anschluss zitierte Marcus Steinweg Georges Batailles Ausspruch, dass sich »das Tier in der Welt wie das Wasser im Wasser« befinde. Nicht nur an dieser Stelle erinnerte Nancys Vortrag an seine zuerst 1986 veröffentlichte Studie Das Vergessen der Philosophie, in der er sein Denken um ein Zitat aus der Negativen Dialektik Adornos kreisen lässt: »Was ohne Schmach Anspruch hätte auf den Namen Sinn, ist beim Offenen, nicht in sich Verschlossenen.«

Letztlich deutete die Frage des Zuhörers jedoch auf die ganz grundsätzliche Problematik, die »Substanz der Kritik« (aus einer kritischen Perspektive) bestimmen zu wollen. Nichtsdestotrotz schien Nancy in seinem Vortrag in der Absetzung und temporalen Negation von Kants bekanntem Diktum aus der Kritik der reinen Vernunft »Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss« auf eine epistemologische Verschiebung hinweisen zu wollen, die sich im Hintergrund gegenwärtiger Fragen nach Kritik abzeichnen lässt. Es ist gerade diese von Nancy zu denken angebotene Transposition der Kritik in deren Licht ich die erstmalige deutsche Übersetzung des französischen Kunstkritikers Jean-Max Colard in Zusammenarbeit mit dem Wolff Verlag vorbereite. Colards Buch Die Ausstellung meiner Träume (Juni 2016) illustriert die von Nancy zu denken angebotene Verschiebung der Kritik anhand poetischer Miniaturen über die Gegenwartskunst.

Bei der von dem französischen Philosophen umdachten »Offenheit« handelt es sich wider dem Vorwurf aus dem Publikum nicht um stumpfes Gerede, sondern um die Grundbedingung der Befragung der »Möglichkeit der Unendlichkeit« und somit um die philosophische Essenz des Denkens Nancys. Anstelle die durch das Symposium des Neuen Berliner Kunstvereins aufgeworfene Frage zu beantworten, problematisierte Nancy jeden Zugang zur Kritik. Schließlich gipfelte seine Argumentation in der etymologischen Triade »crise« (Krise) – »cri« (Schrei) – »critique« (Kritik), die den systematischen Zusammenhang zwischen Krise und Kritik in Augenschein nahm und das durch die wuchernden Philosopheme verunsicherte Publikum für einen kurzen Moment aufhorchen ließ.

Zuvor durchschritt Nancy eine philosophische Ahnengalerie, deren Vielfalt überfordern musste: Adorno, Artaud, Benjamin, Deleuze, Derrida, Diderot, Foucault, Heidegger, Husserl, Hippokrates, Joyce, wieder und wieder Kant, Kirkegaard, Levinas, Lyotard, Mallarmé, Marx, Nietzsche, Rosenzweig, Satre, Schelling, Starobinski… Mit jedem Namen weitete Nancy das von ihm umdachte »Offene« aus, dessen phonetische Verwandtschaft zur »Hoffnung« er unterstrich. Dabei handelt es sich zum einen um die Hoffnung, sich innerhalb des »Offenen« zurecht zu finden, zum anderen aber auch um die mit dieser Hoffnung verbundene Notwendigkeit, die durch die Offenheit zutage tretende ganz reale Überforderung als Maxime des philosophischen Denkens in seiner unumstößlichen Tragik anzuerkennen. Gerade in Anbetracht dieser Überforderung beginnt sich das von Kant zum Ausgangspunkt seiner Kritiken entworfene griechische krinein, das urteilen und entscheiden, als Grundoperationen der Kritik zu zersetzen, weitet sich der »Riss der Schrift«, der sich laut Derrida vielleicht nicht mehr nähen lässt, zur einzigen Möglichkeit philosophische Wahrheit und Sinn zu (um)denken.

Insofern diente jeder Anruf eines bekannten Namens und jedes Zitat Nancy nur dazu, den klaffenden Riss weiter aufzubrechen und die Beantwortung philosophischer Fragen anhand gesetzter oder vorgefertigter Vorstellungen zurückzuweisen. Antworten aber auf die titelgebende Frage »Was ist Kritik« als auch einen ›bekömmlichen‹ Philosophie-Abend hatte wohl ein Großteil des Publikums erwartet.

Zum Lesen

Jean-Luc Nancy, Das Vergessen der Philosophie [1986], Herausgegeben von Peter Engelmann, Wien: Edition Passagen, 1987.

Links

Seite des Symposiums »Was ist Kritik« am 6. und 7. Februar 2016 des Neuen Berliner Kunstvereins

http://www.nbk.org/diskurs/_was_ist_kritik.html

Tocotronic – Pure Vernunft darf niemals siegen (2006)

https://www.youtube.com/watch?v=rzA8CtbTXBA