# 5 Notiz der Buchmacher

Gedanken über das Gedruckte
von Florian Scherübl, 17.2.2016

„…wußten wir nicht, daß die Geschlossenheit des Buchs nicht eine Grenze unter anderen war?“ • Jacques Derrida, Ellipse

Kennen Sie nicht diese rauchigen Räume? Die nicht aufzuzeichnende Atmosphäre? Sagen wir: von Würzburg, letztes Wochenende. Party, Musik. Wir stehen beisammen – bis irgendeiner wieder anfängt: „Ohne ein Werturteil zu sprechen – mit dem Buch ist es vorbei.“ Wir lehnen uns zurück, ziehen an der Zigarette, nehmen einen Schluck vom Whiskey. Wir versuchen, nicht wieder auf die Nachrichten zu sprechen zu kommen. Und eine langsam daher tapsende Melancholie beginnt, die Glieder und das Denken zu entspannen. Verbissen beugen wir uns in der nächsten Werknacht wieder über den Computerbildschirm, schon viel zu betrunken, um die Zeichen richtig zu erkennen. Und die Flüchtigkeitsfehler entkommen unserem streng über die Zeilen fliegenden Auge wie einzelne Delinquenten im revoltierenden Mob.

„Mit dem Buch ist es aus.“ Wieder wird die Aussage in ihrer ganzen Grausamkeit zu fixieren versucht; entgleitet, kehrt wieder. Verdammt, schießt es uns da durch den Kopf. Jetzt gehören wir gerade noch zu dieser `Generation´ (wir tippen das Wort mit Gummihandschuhen in die Tastatur), die um die Jahrhundertwende frisch geboren wurde oder anderweitig prä-adoleszent war. Jene, die amerikanische Soziologen schon mit treffsicherer Unschärfe als „Millennials“ identifiziert haben. Für die Hochzeit des gedruckten Papiers sind wir zu spät geboren. Der erste PC öffnete erst im Teenageralter in unserem Elternhaus die Fenster zur Welt. Die Geburtsurkunde will uns das Zertifikat „Digital Native“ nicht mehr zugestehen. Emigranten aus dem analogen Zeitalter, hingen wir mit 16 gerade noch in den letzten Bahnhofsantiquariaten herum; die Sorte, die vom Dachverband der sozialen Straßenzeitung getragen wird. Unsere Reclam-Leipzig-Bibliotheken sind so grau und hässlich, wie unsere Seelen schön: Statt Programmierhandbücher im Unterricht lasen wir Tieck und Dostojewski unter der Decke. Überhaupt besteht unser Glück nur in einem: Knapp der „Generation Golf“ entronnen zu sein (Vorsicht, wieder die Gummihandschuhe…).

„Das Buch ist fertig.“ — Manche dieser stickigen Party-Räume verlässt man wirklich nie! Hartnäckig hält sich die Denunziation des verunglimpften Mediums in unserem Kopf. „Ja“, wollen wir eines Tages endlich erwidern (zwei Wochen später, allein in unserem Büro, nach langer Arbeit endlich von unserem Bildschirm hochfahrend): „Das Buch… es ist wirklich fertig. Endlich haben wir es fertig gestellt! Es hat lang genug gedauert. Ihr macht euch keine Vorstellung davon, wie hart die Arbeit an jedem einzelnen ist! Zumindest wenn man heute einen Kleinverlag am Laufen halten möchte. Zumindest wenn man immer mehr und weitere Bücher machen möchte… die quirlig vernetzte Welt mit etwas beschenken, was sie nicht mehr zu brauchen glaubt. Wenn die Bücher lange Zeit wirklich auch die Träger des Geistes waren – selten dürfte der Bedarf nach ihnen höher als heute gewesen sein.“

Ach! Druckreife Erwiderungen auf kränkende Sprüche fallen uns doch immer zu spät ein…

Von Florian Scherübl erschien im Wolff Verlag die Übersetzung: Sarah Kofman: Nietzsche und die Metapher, 290 Seiten, ISBN: 9783941461117, 19,90 Euro.