# 7 Zwei ferne Bücher zu nahen Problemen

Zwei ferne Bücher zu nahen Problemen
von Florian Scherübl, 1.5.2016

„Daß uns nichts trennt, muß jeder Trennung fühlen“
Ingeborg Bachmann, Von einem Land,
einem Fluß und den Seen

9783462045321Um aus dem Nähkästchen zu plaudern: Vor eineinhalb Jahren wurde ich von einer Freundin gefragt, ob ich einen Artikel zu ihrem neugegründeten Magazin beitragen könnte. Als privater Vielschreiber und verdientester Träger des nichtexistenten Franz-Kafka-Preises für die Schubladenpublikation kam mir dieser Druck (watch the Doppeldeutigkeit!) natürlich sehr entgegen. Ich schrieb also eine Rezension des damals gerade frisch erschienenen Buches Über Pop-Musik von Diedrich Diederichsen. Der Beitrag war zum viel späteren Zeitpunkt des Erscheinens des Magazins schon derart veraltet, dass er rechtmäßig gestrichen wurde. (Ich war ganz froh darüber. Hätte ich heute nochmal die Gelegenheit, über jenes Buch zu sprechen – ich würde ihm eine Betrachtung im Kontext funktionalistisch ausgerichteter Religionssoziologie widmen).

Stichwort Diederichsen. Zum ersten Mal seit der Lektüre des zeitnahen Spätwerks hatte ich dieser Tage die frühen Taschenbücher des deutschen Pop-Theoretikers wieder in Händen. Frappierend war dabei die Aktualität der Texte aus Freiheit macht arm (Köln 1993) und Politische Korrekturen (Köln 1996). Der erste Band enthält die großartige Analyse Spirituelle Reaktionäre und völkische Vernunftkritiker, welche der Rezeption der französischen Post-Strukturalisten durch die neue intellektuelle Rechte der ausgehenden 80er/frühen 90er Jahre entgegentritt. Behandelt wird die Usurpation eines emanzipatorisch-linken Denkens durch eine konservative Geisteselite in deren einschlägigen Publikationsforen – ein Thema, das in Zeiten, wo ein Sloterdijk-Schüler wie Marc Jongen als Vordenker der AfD erscheint, neue Aktualität bekommt. Zugleich ist Diederichsen aufmerksam auf die schon vor 25 Jahren zu beobachtende Aneignung der einst linken Dissidentenposition durch die neue Rechte. Man braucht nicht nochmals eine Analyse von deren heute einschlägigen Diskursformen vorzunehmen, um diesen Bogen in die Gegenwart zu spannen: Man weiß längst, dass jene auf einer Strategie der Selbstviktimisierung beruhen, in deren Zuge man sich als Opfer linker Meinungshoheit stilisiert, wodurch man für sich den Status der Marginalisierten, denen Foucault und andere ihre Stimme zurückerstatten wollten, beansprucht. (Muss man hinzufügen, wie unrechtmäßig und schamlos eine solche Aneignung vormals linker Repräsentationskritik und ihrer Theoretiker ist? Gerade angesichts des öffentlichen Raums, welchen selbst die vulgärreaktionärsten Meinungen in den letzten eineinhalb Jahren wieder geboten bekamen? Wohingegen die wirklich „Stimmlosen“ doch immer jene ohne jegliche Repräsentation sind…)

Politische Korrekturen, drei Jahre später veröffentlicht, lässt sich als Fortführung des Aufsatzes von 93´ ansehen: Ein Befürworter der damals schon vielgescholtenen Political Correctness, versucht Diederichsen eine unvoreingenommene Genealogie des Begriffs mit anschließender Parteinahme und Verteidigung des Konzepts. Es ist bemerkenswert, dass in einer Zeit wie der heutigen keine vergleichbare analytische Untersuchung, aber auch Verteidigung in polemischer Absicht vorgelegt wird – Political Correctness steht wieder auf der Abschussliste, die Gewehrsalven gehen z.T. tief aus dem bürgerlichen Lager darauf nieder und es droht dabei in letzter Konsequenz doch nichts Geringeres, als eine weit umfassendere Exekution grundlegendend dialogkonstitutiver Umgangsformen. Auf diesem sprachlichen Nebenkriegsschauplatz befindet sich ein anti-intellektueller Diskurs auf dem Vormarsch, welcher gleichsam die Illusionen eine gesellschaftlich ungeprägten „ursprünglichen Ausdrucks“ des Redenden fetischisiert und dabei der Illusion eines Sprechens aufsitzt, das ohne jegliche Selbstbeschränkung (oder die obligatorischen „Verbote“ aus Foucaults Ordnung des Diskurses) auskäme. Wer ohne Einschränkungen, welcher Natur auch immer, zu sprechen glaubt, der spricht aber entweder über nichts Konkretes oder gleich gar nicht mehr. Und wenn er seinem Gegenüber oder Adressaten im rückhaltlosen Streit, ohne die minimalste ethische Achtung seiner Person und Zügelung seines Vokabulars begegnet – dann spricht er auch bald zu niemandem mehr.

Diederichsens zwei Bücher sind keine Bibeln; sie geben keine endgültigen Antworten an die Hand. Aber sie betreffen jene wiederaufgebrochenen Geistes-Kämpfe, zu denen wir uns als Zeitgenossen auf die eine oder andere Art verhalten (und verhalten sollten). Als solche könnten sie uns Vergrößerungsgläser oder Brillen sein – Sehhilfen inmitten der gegenwärtig oft mit frappierender Blindheit geschlagenen Debatten und Situationsbestimmungen.